
Interview mit Piotr Pietryk: Die Stadt der Vertriebenen. Zgorzelec 1945–1950
Interview mit Piotr Pietryk: Die Stadt der Vertriebenen. Zgorzelec 1945–1950
»Im Februar 2025 erschien das Buch von Piotr Pietryk „Die Stadt der Vertriebenen. Zgorzelec 1945–1950“. Eine faszinierende Lektüre über eine komplexe, interessante Zeit des Umbruchs im Leben der Grenzstadt. Wir empfehlen euch das Buch zu lesen sowie das Interview mit dem Autor anlässlich der Veröffentlichung des 368-seitigen Werkes. «
Du bist ein ziemlich beschäftigter Mensch – Lehrer, Trainer, Ehemann, Vater. Wann hast du Zeit zum Schreiben?
Das ist eine gute Frage. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich dieses Buch fertiggestellt habe. Ich schreibe gerne morgens, dann ist alles klar und übersichtlich. Abends fällt es mir schwerer, mich zu konzentrieren. Dann lese ich nur, um mir einen Plan und den Umfang meiner historischen Recherchen zu skizzieren. Ein Historiker ist wie ein Detektiv, der die Rätsel der Vergangenheit löst und seine Vorgehensweise entwirft.
Warum der Titel „Die Stadt der Vertriebenen“?
Mit dem Titel hatte ich Schwierigkeiten. Wie kann ich das Interesse der Leser wecken, ohne eine gewisse Grenze zu überschreiten? Die Idee zum Titel kam mir, während ich das Kapitel über die Griechen und Mazedonier schrieb. Damals fiel mir ein, wie ich das Buch nennen sollte. Mit dem Begriff „Vertreibung“ verstand ich das Drama der Stadt, in der vier Nationen real aufeinandertrafen. Aufgrund der Entscheidung einer einzigen Person – Stalin – waren sie gezwungen, sich auf eine tragische Odyssee auf der Suche nach einer neuen Heimat zu begeben. Die Deutschen mussten Görlitz-Ost verlassen, die Polen und polnischen Juden das östliche Grenzgebiet, und die Griechen und Mazedonier das sonnige Hellas. Die in zwei Hälften geteilte Stadt Görlitz - Zgorzelec wurde zum Epizentrum des demografischen Umbruchs, der dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa folgte. So wiederholte sich Geschichte – eine Anspielung auf die große Völkerwanderung zur Zeit des Untergangs des Römischen Reiches. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg geschah dieser Übergang in einer beispiellosen Geschwindigkeit – in nur sieben Monaten. So etwas hatte in der Geschichte noch nie jemand gemacht. Es war eigentlich unmöglich. Dennoch wurde das Projekt in Angriff genommen. Deshalb gab es so viele Opfer und menschliche Tragödien.
Sind die Jahre 1945–1950 die interessanteste Zeit in der Geschichte von Zgorzelec/Görlitz?
Ohne Zweifel war die Zeit von 1945 bis 1950 die bedeutendste Phase im Leben der Stadt im 20. Jahrhundert. Für die Polen war sie von entscheidender Bedeutung. Durch eine erstaunliche Fügung des Schicksals wurden wir zu den neuen Verwaltern des östlichen Teils von Görlitz. Besonders bemerkenswert ist, wie es dazu kam. Dieses Phänomen wird in den ersten Kapiteln des Buches „Die Stadt der Vertriebenen“ erläutert.
Glaubst du, dass sich die Geschichte wiederholt?
Im Geschichtsunterricht beginne ich ein Thema immer mit einem passenden Zitat. In diesem Fall würde ich die Worte des englischen Romantikers George Gordon Byron verwenden:
„Das ist die Moral all unserer Geschichte.
Was war, wiederholt sich stets.
Mag die Geschichte auch ihre Blätter wenden, sie hat doch nur eine Seite.“
Ich denke, in diesem Zitat liegt die Antwort auf deine Frage. Die Zeit vergeht unaufhaltsam, nur die Figuren und die Bühne ändern sich.

Eine überraschender geopolitischer Moment– ein Krieg mit der Tschechoslowakei im Jahr 1945 stand auf Messers Schneide. Wie siehst du das? Schließlich verbindet man die Tschechen (durch die Brille vom Braven Soldaten Schwejk) nicht mit Aggression.
Man muss sich ins Gedächtnis rufen, was 1938 in der Tschechoslowakei geschah. Prag wurde in München von Großbritannien und Frankreich verraten. Polen beschloss, die Situation auszunutzen – am 1. Oktober 1938 stellte es der Tschechoslowakei ein Ultimatum und forderte die Rückgabe des Olsa-Gebiets, das die Tschechen 1919 gewaltsam besetzt hatten. Die Glaubwürdigkeit Polens auf internationaler Ebene litt erheblich darunter. Das inoffizielle Bündnis mit Hitler warf einen dunklen Schatten auf Polens Ansehen in der Welt. Der Versuch, eine Machtposition in Mitteleuropa aufzubauen, den die polnische Sanacja-Regierung vorantrieb, scheiterte schnell. Die Tschechen haben uns das nicht vergessen. Sie beschlossen, die festgelegten Grenzen zu revidieren. Dafür hatten sie eine historische Grundlage – bis 1620 gehörte Schlesien zu ihrem Königreich, fast 300 Jahre lang war dieses Gebiet ihr Territorium. 1945 verhinderte Stalins Eingreifen einen Krieg. Bei Bewertung dieser Ereignisse müssen wir bedenken, dass beide Länder gerade aus der Dunkelheit der deutschen Besatzung auftauchten. Sie brauchten Erfolge auf internationaler Ebene und auch die Anerkennung durch die eigene Bevölkerung.
Der Lausitzer Staat – hatte er eine Chance? Was wäre geschehen, wenn er entstanden wäre?
Das ist eine traurige Geschichte. Die Lausitzer Sorben hatten in diesem Spiel keine guten Karten. Generalissimus Stalin hielt sie für stille Verbündete Hitlers. In vielen Quellen fand ich die Behauptung, er habe sie für Faschisten gehalten, was nicht stimmte. Bautzen sprach sich für die Idee der Unabhängigkeit aus und berief sich dabei auf Stalins Erklärung über das Selbstbestimmungsrecht jeder slawischen Nation. Bierut lavierte, wartete ab und traf keine verbindlichen Entscheidungen. Er wollte die Oberlausitz nicht verlieren. 1946 deutete der stellvertretende polnische Außenminister Zygmunt Modzelewski dem Sorbischen Nationalrat an, sie sollten offiziell auf alle Gebietsansprüche östlich der Lausitzer Neiße verzichten. Im Gegenzug dazu würde Polen ein umfassendes sorbisches Projekt unterstützen, darunter die Errichtung einer Bildungseinrichtung in Zgorzelec. Dieser Versuch politischer Erpressung scheiterte. Die Sorben lehnten den polnischen Vorschlag ab.
Leider verschlechterte sich ihre Situation mit jedem Monat. Die massenhafte Umsiedlung von Deutschen aus polnischen Gebieten in von Lausitzer Sorben bewohnten Regionen untergrub die Vorherrschaft der ursprünglichen Bevölkerung in der gesamten Lausitz. Die endgültige Entscheidung über die Zukunft der Lausitz fiel 1948. Stalin nutzte die mangelnde Bereitschaft der Deutschen zur Umsetzung dieses Projekts aus. Am 23. März 1948 erkannte der sächsische Landtag die Sorben als nationale Minderheit an. Die Unterstützung der Idee für einen sorbischen Staat lag weder im Interesse der Deutschen noch der Polen. Die Sorben fanden sich in einem ungünstigen politischen Klima wieder, das ihren Traum von Unabhängigkeit zunichtemachte.
Die Unterzeichnung des Vertrags über die Grenzen an der Oder und Lausitzer Neiße mit der Deutschen Demokratischen Republik in Zgorzelec besiegelte endgültig das Thema einer unabhängigen Lausitz. Wenn wir uns auf ein Gedankenexperiment einlassen und annehmen, dass ein sorbischer Staat tatsächlich entstanden wäre, dann würde das polnische Zgorzelec nicht existieren, und dieses Gespräch zwischen uns hätte niemals stattgefunden.
In unserem Gespräch taucht Stalin immer wieder als genialer Stratege auf. Hat sich an dieser Einschätzung im Laufe der Jahre etwas geändert?
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, war ein Verbrecher. Ein durchtriebener Mensch, der niemandem vertraute. Er hatte das Glück, dass es auf der anderen Seite des Weltkonflikts keine Persönlichkeit oder Macht gab, die den russischen Imperialismus hätte aufhalten können. Das Jahr 1945 markierte den Höhepunkt seiner Karriere. Die Rote Armee errang die größten Siege in der russischen Geschichte – noch bedeutender als der Triumph über Napoleon 1813. Der Sohn eines einfachen Schuhmachers entschied über das Schicksal der Welt.
Leider muss ich der Aussage zustimmen, dass die Entstehung des polnischen Zgorzelec von Stalins Schatten begleitet wurde. Er handelte jedoch nicht aus Großherzigkeit. Der Diktator wusste, dass er Polen durch die Übergabe der ehemaligen Ostgebiete des Dritten Reiches an die polnischen Kommunisten in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Moskau zwingen würde. Ihm war bewusst, dass Warschau ohne seine Unterstützung nicht in der Lage gewesen wäre, die neu gewonnenen Gebiete im Westen zu halten.
Zunächst ging dieser teuflische Plan ziemlich gut auf. Doch mit der Zeit, bereits nach dem Tod des Tyrannen, begann sich die Realität zu ändern. Der Einfluss der Zeit erwies sich als das beste Heilmittel gegen die historischen polnisch-deutschen Wunden. Es brauchte nur fünfundvierzig Jahre, bis die Ordnung von Jalta erodierte.
Leider gibt es heute, achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den Versuch, das russische Imperium wiederzubeleben. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass Stalins Werk Nachfolger gefunden hat.
Glücklicherweise ist Polen seit 1999 Mitglied der NATO, was uns, hoffentlich, eine Garantie für Sicherheit gewährt.

Polnisches Zgorzelec und deutsches Görlitz – ist das eine Stadt?
Es besteht kein Zweifel, dass die Stadt und ihr historisches Erbe deutsch waren. Doch in den achtzig Jahren polnischer Verwaltung des östlichen Teils der Stadt hat Polen erheblich zu ihrer Entwicklung beigetragen. Geschichte wird von Politikern oft genutzt, um das kollektive Gedächtnis zu manipulieren, das können wir nicht beeinflussen. Doch ist es wichtig zu betonen, dass die deutsche Seite durch Einfluss der Zeit und historischer Reflexion die neue Grenzziehung akzeptiert hat, und die Vertreter beider Städte in der Beziehung zwischen unseren Nationen sogar noch weiter gegangen sind.
Die Stadtverwaltungen von Zgorzelec und Görlitz haben ihre Partnerschaft gefestigt. Am 5. Mai 1998 wurde die Gründung des Projektes Europastadt Görlitz-Zgorzelec verkündet. Ein enormer Erfolg für beide Seiten. Es dauerte viele Jahre, bis die Bewohner der durch die Geschichte geteilten Stadt begannen, gemeinsam über sie nachzudenken. Wie bedeutend dieser Schritt in der Nachkriegsgeschichte der Stadt war, zeigt sich zum Beispiel im Konzept von „Stadt der Vertriebenen“.
Ich denke, die Bewohner von Zgorzelec und Görlitz haben bewiesen, dass sie trotz sprachlicher und kultureller Barrieren gemeinsam die Zukunft der Stadt planen können, die als Perle der Oberlausitz bezeichnet wird. Trotz antideutscher Rhetorik wurde deutlich, dass eine gemeinsame Zukunft aufgebaut werden kann. Immer mehr Polen leben heute auf der deutschen Seite der Stadt.
Menschen auf beiden Seiten der Grenze, die die andere Seite nicht akzeptieren - sie überqueren die Grenze nie. Was hältst du von ihnen?
Vielleicht ist das eine Folge des Traumas, das ihre Eltern und Großeltern während des Krieges erlebt haben. Antideutsche Rhetorik, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, ist immer noch lebendig. Es wird noch viele Jahre dauern, bis sich dieses Narrativ ändert.
Ich gebe ein Beispiel: Beschuldigen die Polen heute noch die Schweden für das Unrecht, das sie ihnen zugefügt haben? Schließlich kämpften wir im 17. und 18. Jahrhundert ständig gegen die schwedische Besatzung. Und dennoch erinnert heute niemand die Schweden an die „Sintflut“, die größte wirtschaftliche und demografische Katastrophe in der Geschichte der Ersten Republik.
Ich wiederhole noch einmal, es braucht mehr Zeit, um die Konflikte zu überwinden, die uns im 20. Jahrhundert so gespalten haben.
Xenophobie begleitet die menschliche Gesellschaft seit jeher. Ein weiteres Beispiel: Als Mieszko I. das Christentum von den Tschechen annahm, waren die politischen Eliten gegen diese Entscheidung. Sie glaubten, dass wir dem Glauben unserer Vorfahren treu bleiben sollten. Offenheit gegenüber äußeren Einflüssen wurde als Bedrohung angesehen, die ihre gesellschaftliche Stellung gefährden könnte.
Die Menschen fürchten immer das Neue, Unbekannte. Unsere Vorfahren hatten noch zweihundert Jahre lang Probleme mit der Annahme des neuen Glaubens. Und heute ist Polen eine der europäischen Bastionen des Christentums.
Das Gefühl der Vorläufigkeit hing wie ein Damoklesschwert über der gesamten Region. Gehört das der Vergangenheit an?
Das Gefühl der Vorläufigkeit, das die ersten Siedler nach dem Ende des Krieges begleitete, war ein verbreitetes Phänomen sowohl auf der deutschen als auch auf der polnischen Seite. Was die Psyche sowohl der Polen als auch der Deutschen am meisten belastete, war der Mangel an Stabilität. Ich bewundere diese Menschen. Die Polen wurden 1945 nicht mit Blumen empfangen. In Görlitz-Ost lebten damals fast dreitausend Deutsche. In Polen selbst wurde im Januar 1945 noch nicht ernsthaft über die westlichen Gebiete nachgedacht. Die Gesellschaft sorgte sich damals eher um Lemberg und Vilnius.
Die ersten, die in der Oberlausitz ankamen, waren Soldaten aus umliegenden Kriegsgefangenenlagern und KZ-Häftlinge. Später kamen Soldaten der 2. Armee des Polnischen Heeres und ihre Familien. Es folgten Soldaten der Heimatarmee (Armia Krajowa), die aus Angst vor Verhaftung massenhaft nach Niederschlesien ins polnische Zgorzelec zogen. Die größte Gruppe bildeten jedoch Plünderer und Abenteurer, die sich schnell bereichern wollten. Wenn wir dazu betrunkene und stehlende Soldaten der Roten Armee und deutsche Deserteure hinzufügen, sehen wir ein Bild des Grauens und das Ausmaß, mit dem die neuen Siedler konfrontiert waren.
Hing das Damoklesschwert über Zgorzelec? Natürlich. Es begann die Zeit des Kalten Krieges. Deutsche Geistliche und die neu gegründete Bundesrepublik Deutschland erkannten das Zgorzelecer Abkommen vom Juli 1950 nicht an. Die polnischen Kommunisten errichteten das erste polnische Gebäude in Zgorzelec erst 1958, als die Entscheidung für den Bau des Kraftwerks Turów getroffen wurde. Das zeigt, dass sie sich ihrer Präsenz in dieser Region nicht sicher waren. Eine Bestätigung dieser These war der Versuch, den Zittauer Zipfel mit der Tschechoslowakei gegen Orava und Zips (Spiš) zu tauschen. Die Kommunisten glaubten entgegen ihrer offiziellen Verlautbarungen selbst nicht daran, dass es gelingen könnte.
Und was die zweite Teil der Frage betrifft? Ich weiß es nicht. In der Geschichte ist nichts sicher. Nach Heraklit von Ephesus: Panta rhei (alles fließt).
Warum hast du ein Buch über die Anfänge von Zgorzelec geschrieben?
Es war ein Zufall. Eigentlich wollte ich über die Geschichte des Zgorzelecer Basketballs schreiben und die Anfänge des Sports in Zgorzelec erwähnen. Doch ich brauchte mehr Informationen über unsere Stadt und nahm daher an einem wissenschaftlichen Konferenz im Europäischen Zentrum teil, die dem Gedenken an Roman Zgłobicki gewidmet war, dem Autor des Buches „Lager und Kriegsfriedhöfe in Zgorzelec“.
In der laufenden Debatte betonten die geladenen Gäste deutlich, dass der Stadt Zgorzelec eine eigene Identität fehle. Ihrer Meinung nach hing dies damit zusammen, dass die Stadt auf den Trümmern des deutschen Erbes entstanden ist. Das hat mich fasziniert.
Wie es sich für einen hartnäckigen Menschen gehört, begann ich mit meinen Nachforschungen. Ich wollte herausfinden, ob diese These wahr ist. Und so suchte ich drei Jahre lang nach der Antwort auf die Fragen, die mich beschäftigten. Jetzt kann ich sagen, dass es mir, hoffentlich, gelungen ist.
