Die Tanzstunde am Dienstag

Die Tanzstunde am Dienstag

Kultur

»Wie läuft es in der Tanzgruppe Patašpička?«

Wir treffen uns immer dienstags. Schon seit der Gründung unseres Vereins ist das so. Die erste Probe haben die Kleinen, wir nennen sie auch špičičky (Zehen). Das leitet sich vom Namen unseres Vereins Patašpička (Zehe-Verse) ab. Damit meine ich Kindergartenkinder bis zur vierten Klasse der Grundschule. Dieses Jahr sind so viele neue Kleinen dazu gekommen, dass man sie in zwei Gruppen aufteilen musste. Es sind Gruppen mit ungefähr zehn Schülern, die gerade ihre erste Probe haben. Es soll eine Tanzvorstellung von der Geschichte von ‘Momo’ entstehen. Inspiriert von dem gleichnamigen Buch von Michael Ende. Unsere Lehrerin, Barbora Spalova, erzählt ihnen die Geschichte von diesem wunderbaren Mädchen Momo.

Momo lebt in einem Amphitheater in Rom und hat nichts zu bieten, außer einem offenen Ohr für diejenigen, die sich etwas von der Seele reden möchten, viel Zeit für einsame Menschen und die besten Spielideen für die Kinder der Stadt, die sie immer dann besuchen kommen, wenn sie mit ihr spielen möchten.

Nach dieser Erklärung versuchen die Kleinen, eine improvisierte Szene auf die Beine zu stellen, in der sie mit Momo Bootsfahrt spielen. Sie sind quasi Matrosen auf einem großen Schiff. Die Masten des Bootes stellen zwei Stehleitern dar. Die Musik dazu wählt unsere Lehrerin aus. Die kleinen Kinder lachen und sehen sehr glücklich aus. Es macht ihnen viel Spaß, sich in eine ausgedachte Situation hineinzuversetzen. Denn das machen sie oft.

Rondo Lianen

Nach einer Dreiviertelstunde sind wir dran. Wir, die Patičky (Versen), die Großen. Ich gehöre zu einer Gruppe von etwa fünfzehn Jugendlichen, von der fünften Klasse bis zu achtzehn Jahren. Jede Stunde beginnen wir mit der Aufwärmung. Diese leiten die Töchter unserer Lehrerin an. Beide haben zu der gewöhnlichen Aufwärmung mit Dehnübungen auch Krafttraining hinzugefügt. Es ist anstrengend. Wir stehen alle im Kreis und wiederholen die Übungen, die uns vorgezeigt werden. Danach kommt etwas Neues. Normalerweise üben wir danach eine Choreographie ein, oder üben ein wenig klassisches Ballett. Aber heute hat sich unsere Lehrerin etwas Anderes einfallen lassen. Und darauf habe ich mich heute schon sehr gefreut. Wir stellen uns entlang der Breite des Saales in drei Reihen zu je fünf Schülern auf. Anders als letzte Woche kommt Jazzmusik aus der Musikbox. Wir lernen verschiedene Schritte und Bewegungen des Jazz-Tanzes von unserer Lehrerin. Manche sehen aus, als wäre es ihnen etwas unangenehm und sie halten sich zurück, weil es ihnen etwas peinlich ist. Aber den meisten macht es sichtlich Spaß, auch mir. Besonders die jüngeren Schüler lassen sich nicht von den anderen stören und tanzen ausgelassener als sonst.

Danach bekommen wir Becher in die Hand gedrückt und eine Choreographie gezeigt. Sie besteht aus den gerade erlernten Jazz-Schritten. Wir sollen uns vorstellen, dass es kalt ist und wir mit einem Becher Kaffee unsere Freunde in einem vollbesetzten Cafe suchen. Die Choreographie macht uns, glaube ich, allen Spaß. Wir teilen uns auf und die eine Hälfte zeigt die Choreographie vor, während die anderen zusehen und dann Kritik und Verbesserungsvorschläge äußern.

Tanz des Todes der Tod der Braut

Schon öfter probierten wir uns an anderen Tanzarten. Jedes Jahr kommt beispielsweise eine Flamenco-Tänzerin aus Spanien, eine Freundin unserer Tanzlehrerin, zu uns und macht einen Flamenco-Workshop mit uns. Vor einiger Zeit besuchte uns auch ein Tanzlehrer, der traditionelle und lateinamerikanische Tänze unterrichtet. Wir trafen uns an zwei Tagen hintereinander im Saal und erlernten neue Tänze.

Bei manchen Veranstaltungen stellen wir verschiedene Tänze aus der ganzen Welt vor und laden Außenstehende zu uns in den Kreis ein. Wir bringen ihnen zum Beispiel den Every Man's Chance aus Irland bei. Vielleicht hat uns der ein oder andere beim Spectaculum in Zittau schon gesehen, oder sogar mitgetanzt. Wir haben auch viele weitere Tänze in petto. Der neueste, den wir erst letzten Winter erlernten, kommt aus Island. Wir kommen nämlich viel mit der Gruppe in der Welt herum und nehmen aus verschiedenen Ländern auch Tänze mit. Oder wenn unsere Lehrerin ein Tanz besonders fasziniert, dann lernt sie ihn und bringt ihn dann uns bei. So zum Beispiel der aus Island.

Wir haben auch oft bei der Europeade mitgemacht. Das ist ein Festival, das jedes Mal in einem anderen Land in Europa stattfindet. Es treffen sich Tanzgruppen aus ganz Europa und zeigen ihre einstudierten Tänze auf bestimmten Bühnen vor. Meistens tragen sie dann auch noch die traditionelle Kleidung des Landes. Erst letzten Sommer war das Festival auf Sardinien, Italien. Es macht mir sehr viel Spaß, die Menschen aus anderen Ländern tanzen zu sehen. Besonders interessieren mich ihre Musik- und Tanzrichtungen.

Aufgetreten sind wir auf Sardinien mit unserer Vorstellung „Tanz des Todes“.

Ich möchte anmerken, dass es auf Sardinien meistens über dreißig Grad Celsius warm war und in diesen Temperaturen klassische, tschechische Tänze zu tanzen eine echte Herausforderung war. Wir haben den tschechischen Tanz „Obkročák“ getanzt. Dabei geht es darum, in sehr kurzer Zeit viele schnelle Schritte zu machen. Es sieht zwar einfach aus, aber das ist es nicht.

Premiere zur Vorstellung Tanz des Todes auf Sardinien

Begonnen haben wir zur Europeade zu gehen, weil wir ganz am Anfang des Vereins, als wir alle vier oder fünf Jahre alt waren, Folklore getanzt haben. Ausdruckstanz ist für solche kleinen Kinder noch recht schwer zu tanzen. Und da Europeade ein Folklore Festival ist, war es ideal für uns.

Angefangen zu tanzen habe ich im Alter von drei oder vier Jahren. Alle meine damaligen Freunde tanzten im Verein, seit sie zwei Jahre alt sind und ich habe meine Mutter angefleht, auch dorthin gehen zu dürfen. Inzwischen bin ich schon über zehn Jahre lang dabei und habe viele Vorstellungen kommen und gehen sehen. Am besten bis jetzt hat mir die Aufführung des Tanzstücks „Der geheime Garten“ nach der Vorlage des Buches von Frances Burnett, unsere Vorstellung „Coming of Age“ Anfang dieses Jahres und „Rondo“ vom letzten Jahr gefallen. Beim Stück „Rondo“ haben wir uns in die Rolle von Pflanzen hineingefühlt. Das war glaube ich die Vorstellung mit der meisten Akrobatik bisher.

Coming of Age Probe

Wie bereits oben erwähnt, ist das Thema unserer nächsten Umsetzung „Momo“ von Michael Ende. Was das Thema unserer jeweils nächsten Vorstellung ist, wählt unsere Lehrerin aus. Der Grund dafür ist meistens reine Inspiration. Für Momo hat sie sich entschieden, weil sie diese Geschichte sehr mag. Barbora hat sie als Kind gelesen und sich nun wieder an die Geschichte erinnert.

Während die Kleinen vorher eine Spielszene aus dem Buch nachgestellt haben, nehmen wir uns den Streit zweier Männer im Amphitheater, in dem Momo lebt, vor.

Im Buch geht es darum, dass die Beiden zerstritten sind und man sie zu Momo schickt, damit sie ihren Streit begraben. Am Anfang sind beide unglaublich wütend und beleidigen sich quer durch das ganze Theater, während Momo nur auf der Treppe sitzt und zuhört. Am Ende der Szene jedoch sind beide wieder Freunde, haben ihren Streit begraben, umarmen Momo und danken ihr.

Wir sollten diese Szene tänzerisch übernehmen, jeweils in Paaren und vor den anderen aus der Gruppe. Da zwei Mädchen aus meiner Gruppe schicke Stöckelschuhe für die Jazz Stunde mitgenommen haben, interpretierten sie die Szene neu, indem sie einen Streit zwischen zwei Frauen darstellten. 

Interessant war, den Beiden beim Rennen zuzusehen. Ich weiß nicht, ob ihr es wisst, aber in Stöckelschuhen zu rennen ist eine heikle Angelegenheit. Und zu unserer Belustigung gab es nicht nur einen Sturz. Nach einem weiteren weiblichen Paar wurden noch die einzigen Jungs in meiner Gruppe auf die Tanzfläche gebeten. Es sind zwei Brüder mit ungefähr zwei Jahren Altersunterschied. Und im Vergleich zu den Duetten der Anderen konnte man wirklich sehen, dass es ein Streit zwischen Jungs war.

Da Barbora uns ab dieser Stunde in die Kunst des Tanzunterrichtens einweihte und so etwas wie einen Kurs über Tanzpädagogik mit uns durchführte, habe ich außerdem gelernt, andere Menschen darin zu beurteilen, wie sie tanzen und ihnen Ratschläge und Tipps zur Verbesserung zu geben. Wir setzen uns zusammen und sagen uns gegenseitig, was wir gut gemacht haben, und was uns gefallen hat. Am Ende dehnen wir uns, damit wir am nächsten Tag nicht überall Muskelkater haben.